Landeselternvertretung, Landesschülervertretung, Thüringer Lehrerverband und GEW und fordern die Landesregierung auf, die Anstrengungen zur Absicherung des Unterrichts an den staatlichen Thüringer Schulen deutlich zu verstärken.

Wir fordern ein Thüringer Sofortprogramm zur Absicherung des Unterrichts:

1. Es sind unmittelbar 2.500 Lehrerinnen und Lehrer in den Schuldienst einzustellen, um die bisher aufgerissenen Lücken zu schließen

2. Jede frei werdende Lehrerstelle ist zwingend sofort zu besetzen

3. Die Landesregierung erlässt ein sofortiges Moratorium des Stellenabbaupfads

4. Zur Entwicklung hin zu echten Ganztagsschulen fordern wir die Abschaffung der prekären 50%-Stellen für Erzieherinnen und Erzieher (dies entspricht mindestens weitere 300 VZB).

5. Schulsozialarbeit ist personell abzusichern und als Landesaufgabe im Schulgesetz zu verankern

Statistisch gesehen fielen Ende letzten Jahres 3,5 Prozent aller Unterrichtsstunden an den Thüringer Schulen aus. Nicht erfasst wurden in diesem Wert fachfremde Vertretung, die Kürzung der Stundentafel, Stillarbeit oder die Erteilung von Hausaufgaben.

Die Lage ist jedoch weitaus dramatischer, als die Zahl es vermuten lässt: Ganze Unterrichtsfächer werden nicht mehr erteilt, Zeugnisse enthalten statt Zensuren die entsprechenden Vermerke.

Ursache hierfür ist der gravierende Mangel an Lehrerinnen und Lehrern in allen Schularten, vor allem aber im Grund- und Regelschulbereich. Hinzu kommt die gewachsene Altersstruktur in der Lehrerschaft. Die Folgen sind offensichtlich: Ausfall, Mehrbelastung durch Vertretung, Krankheit und innere Kündigung bei einem Lehrerpersonal, das sich zunehmend vom Land allein gelassen fühlt.

Nicht alle Kinder und Jugendlichen bekommen im gemeinsamen Unterricht die Unterstützung, die sie brauchen. Es nehmen Schülerinnen und Schüler mit manifester Behinderung teil, ohne je Kontakt zu einer sonderpädagogischen Fachkraft gehabt zu haben. Alle Beteiligten am gemeinsamen Unterricht werden damit vor extreme Herausforderungen gestellt, die letztlich zum Scheitern von Inklusion führen werden.

Auch der Zustand der Schulhorte ist nach der Rückführung in Landesverantwortung als äußerst unbefriedigend zu beschreiben. Offensichtlich ist eine deutlich zu geringe Anzahl an Beschäftigten in den Schulhorten in überwiegend prekären Beschäftigungsverhältnissen mit der Aufgabe betraut, sowohl die Vor- als auch Nachmittagsbetreuung, die Begleitung zum Schwimmunterricht und in immer mehr Einzelfällen auch die Absicherung des Unterrichts an den Grundschulen zu gewährleisten.

Schülerinnen und Schüler fürchten um ihre Abschlüsse, Eltern um die beruflichen Entwicklungschancen ihrer Kinder, Ausbildungsbetriebe um die Ausbildungsfähigkeit der Lehrlinge und Hochschulen um die Basisqualifikationen ihrer Studenten.

Wir befürchten den Kollaps des Thüringer Bildungssystems!

Der besorgniserregende Zustand in den Klassenräumen ist nicht über Nacht eingetreten, sondern hat sich über Jahre entwickelt. Zu lange galt und gilt das Primat des Haushalts über das pädagogisch Vernünftige und wir müssen uns voller Sorge die Frage stellen, ob Thüringen Bildungsstandort bleiben oder zu einem Beschulungsstandort degenerieren soll.

Von den etwa 18.000 Lehrkräften an den allgemeinbildenden Thüringer Schulen wird in den kommenden fünf Jahren rund ein Viertel wegen Alters ausscheiden. Demgegenüber ersetzen die vom Land avisierten Neueinstellungen noch nicht einmal die Altersabgänge. Auch die von der Landesregierung kürzlich verkündeten Einstellungszahlen für die Jahre 2018 und 2019 werden an dieser Tatsache nichts ändern, so sie sich überhaupt realisieren lassen. Die Landesregierung hält am einmal beschlossenen Stellenabbaupfad fest, sie streckt lediglich den Zeitraum.

Völlig außer Betracht bleiben die bereits verwirklichten Stellenkürzungen, die uns erst in die Krise geführt haben. Der heutige Zustand mit all seinen negativen Folgen würde damit nicht beseitigt, sondern lediglich zementiert werden.

Es reicht bei Weitem nicht aus, die Lösung in einer Diskussion über Schulstrukturen zu finden, denn diese wird viel zu spät aufgenommen. Bis diese Diskussion beendet ist, die notwendigen Schritte eingeleitet wurden, mit allen Beteiligten Lösungen gefunden sind und solcherart Maßnahmen umgesetzt werden können, wird noch sehr viel Zeit verstreichen.  Zu viel Zeit!

Wir fordern alle Schülerinnen und Schüler auf: Werdet kreativ gegen Unterrichtsausfall!

Wir planen zum 1. Juni 2017 einen Thüringer Aktionstag mit einer zentralen Veranstaltung vor dem Thüringer Landtag.

PDF: Gemeinsame Pressemitteilung von LEV, LSV, GEW, TLV – Thüringer Schulen vor dem Kollaps vom 29-03-2017